In 12 Tagen nach Deutschland

Präsentation am Reckenberg-Berufskolleg zu Flucht aus Syrien ging unter die Haut

Aus dem Heimatland flüchten? In Deutschland eigentlich unvorstellbar. Für Hamed Alhamed allerdings war dies 2015 die Realität. Dem 27 Jahre alten Syrer aus Deir Ezzor blieb im Jahre 2015 nichts Anderes mehr übrig als die Flucht. Also machte er sich, zusammen mit seinem Bruder, auf den Weg nach Deutschland. Am 17.09.2018 erzählt Hamed in der Aula des Reckenberg Berufskollegs von seinen Erfahrungen auf der Flucht, sowie von der Situation in Syrien vor dem Krieg und zur jetzigen Zeit.

Der junge Mann steht selbstbewusst auf der Bühne. Gekleidet mit einem schwarzen T-Shirt und einer Jeans fängt er ganz locker an zu berichten.  Er stellt sich zunächst vor und beschreibt, aus welcher Region Syriens er stammt. Schnell ist zu bemerken, dass er, trotz erst drei Jahren in Deutschland, sehr gut Deutsch spricht. Selbst wenn Hamed mal Sprachprobleme bekommt, löst er diese mit Hilfe von Charme und Humor, wodurch eine sehr entspannte Atmosphäre hergestellt wird. Er fährt fort, indem er Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der (Jugend)Kultur Syriens und Deutschland aufzeigt. Außerdem erzählt er von der Lage in Syrien vor dem Krieg, als es sich damit noch um ein wohlhabendes Land mit sehr gutem Bildungssystem handelte. Er erzählt von der Schönheit syrischer Städte und dem Einklang in dem alle möglichen Religionen zusammen dort lebten. Von Weihnachtsfesten und dem Nightlife.

Dann jedoch verändert sich die Stimmung drastisch.  Nun berichtet Hamed Alhamed von militärischer Gewalt gegen friedliche Protestanten, von Unterdrückung der Meinungsfreiheit, von Anschlägen, Folter und Tod. Er zeigt einige Videos in denen man die Schwere und Plötzlichkeit der einschlagenden Bomben erkennen kann. Innerhalb weniger Sekundenbruchteile werden Häuser zu Staub und die Menschen fangen an zu schreien. Alle Zuhörer sind sichtlich erschüttert und mitgenommen. Auch Hamed redet nun nicht mehr so locker und humorvoll. Ihm ist anzumerken, wie lebendig die Erinnerungen noch sind. Er beschreibt, wie aus dem wohlhabenden Syrien in kürzester Zeit ein Land voller Armut, Hunger und Terror wurde und auch, wie er und seine Familie alles verloren. Jeglicher Besitz sowie viele Dinge mit sentimentalem oder emotionalem Wert wurden zerstört. Beispielsweise meint Hamed, dass keine Kindheitsbilder von ihm mehr existieren würden, da sie alle verbrannt seien. Materielle Verluste sind jedoch nicht die einzigen, die Hamed verkraften musste. Er zeigt ein Bild von sich mit seinem engsten Freundeskreis und fügt an, dass alle, bis auf ihn, getötet wurden.

Anschließend beginnt Hamed von der eigentlichen Flucht zu berichten. Die Flucht, für die er und sein Bruder 12 Tage benötigten, hat sie insgesamt 7000€ gekostet. Die ersten sechs Tage der Reise führten die Beiden in die Türkei. Von dort aus benötigten sie erneut sechs Tage, um nach Deutschland zu gelangen. Zusammen dokumentierten die Brüder ihre Reise in einem Video, welches sie auf Youtube hochluden. Von Fahrten auf engen Booten über Wanderungen auf Gleisen, bis zum Schlafen auf der Straße und Auseinandersetzungen mit der Polizei. Der Weg nach Deutschland war keinesfalls leicht.

Hamed Alhamed fühlt sich in Deutschland sehr wohl, obwohl er auch Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht hat. Zum Abschluss richtet er noch einen Appell an seine Zuhörer. Er ruft sie dazu auf nachzudenken, bevor sie verurteilen. Dazu, auf Flüchtlinge zuzugehen und sich nicht abzuwenden. Außerdem erinnert er daran, dass Integration von beiden Seiten geschehen muss, da diese sonst nicht möglich ist. Die emotionale Geschichte von Hamed Alhamed endet unter tosendem Applaus der sichtlich bewegten Schülerschaft des Reckenberg-Berufskollegs. Im Nachgang der Veranstaltung findet sich folgendes Statement, verfasst von Schülern des Berufskollegs, auf Facebook: „Meine Klasse war heute bei der Präsentation dabei und wir wollten uns alle noch einmal bedanken, dass du dir die Zeit genommen, aber vor allem auch den Mut hattest, uns von deinem Leben und der Situation zu erzählen. Du hast einigen die Augen geöffnet und viele Vorurteile beseite geschafft. Wir hätten nicht gedacht, dass es so schlimm ist. Die Nachrichten verharmlosen vieles und zeigen uns ganz andere Dinge – im Gegensatz zu dir. Wir haben sehr viel Respekt vor dir und dem, was du durchgemacht hast.“

Vortrag in der Aula.
Hamed im Gespräch mit Schülern und Pädagogen.
Hamed nahm sich auch Zeit zur Beantwortung einzelner Fragen.

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